Teilzeit ist nicht immer eine freie Entscheidung. Warum gewünschte und tatsächliche Arbeitszeit bei Eltern auseinanderliegen können
„Warum arbeitest du eigentlich nicht einfach mehr?“
Eine scheinbar einfache Frage. Gerade bei Eltern ist sie es selten.
Denn zwischen Ich könnte mir vorstellen, mehr zu arbeiten und Ich kann tatsächlich mehr arbeiten liegt manchmal ein ziemlich großer Berg: Kinderbetreuung, Arzttermine, Krankheitstage, Haushalt, Bring- und Abholzeiten, Ferien, Mental Load – und die Frage, wer eigentlich einspringt, wenn irgendetwas nicht nach Plan läuft.
Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass das Thema größer ist als die individuelle Entscheidung einzelner Familien: 2025 wollten rund 1,5 Millionen Erwerbstätige in Deutschland mehr arbeiten. Die meisten davon waren in Teilzeit beschäftigt. Gleichzeitig wollten 3,8 Millionen Erwerbstätige ihre Arbeitszeit reduzieren.
Das Interessante daran ist nicht nur die Zahl.
Sondern die Frage dahinter:
Was verhindert eigentlich, dass Menschen so viel arbeiten, wie sie gerne würden?
Teilzeit bedeutet nicht automatisch: „Ich möchte nicht mehr arbeiten“
Teilzeit wird häufig so behandelt, als wäre sie eine bewusste persönliche Entscheidung:
„Sie arbeitet eben nur Teilzeit.“
Als wäre damit alles erklärt.
Aber Arbeitszeit ist nicht nur eine Frage von Wünschen. Sie hängt auch davon ab, was im Alltag überhaupt möglich ist.
2025 arbeiteten Teilzeitbeschäftigte in Deutschland durchschnittlich 21,3 Stunden pro Woche. Gleichzeitig zeigen die Arbeitszeitwünsche des Mikrozensus, dass 1,1 Millionen Teilzeitbeschäftigte gerne mehr gearbeitet hätten.
Das bedeutet nicht, dass alle diese Menschen wegen Kinderbetreuung in Teilzeit sind.
Und es bedeutet auch nicht, dass jede Person mit einem Wunsch nach mehr Arbeitszeit automatisch ihre Arbeitszeit erhöhen könnte.
Aber es zeigt etwas Wichtiges:
Teilzeit und der Wunsch nach Teilzeit sind nicht dasselbe.
Wenn mehr Arbeitszeit an der Realität scheitert
Stell dir eine ganz normale Familie vor.
Beide Eltern arbeiten.
Die Kita öffnet morgens. Irgendwann muss das Kind gebracht werden. Nachmittags endet die Betreuung. Dazu kommen Arbeitswege, Termine, Krankheitstage und die ganz normalen Überraschungen des Familienlebens.
Und dann kommt die Frage:
Wer übernimmt die zusätzlichen Stunden, wenn beide Eltern mehr arbeiten?
Denn ein Kind wird nicht automatisch selbstständiger, nur weil die Arbeitszeit der Eltern steigt.
Jemand muss:
- das Kind morgens fertig machen,
- es zur Kita oder Schule bringen,
- es wieder abholen,
- Arzttermine organisieren,
- bei Krankheit zu Hause bleiben,
- Ferienzeiten überbrücken,
- Kleidung und Ausstattung im Blick behalten,
- Termine vereinbaren,
- Geschenke besorgen,
- mit der Kita kommunizieren,
- und im Zweifel spontan umplanen.
Das ist Care-Arbeit.
Und ein Teil davon ist unsichtbar.
Die Arbeitszeit endet nicht an der Stechuhr
Wenn über Arbeitszeit gesprochen wird, denken wir meistens an bezahlte Erwerbsarbeit.
Aber Familien haben noch eine zweite Zeitschiene:
unbezahlte Arbeit.
Die Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass Frauen im Durchschnitt deutlich mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer. Für 2022 wurden für Frauen knapp 30 Stunden und für Männer knapp 21 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche ausgewiesen.
Dabei geht es nicht nur um Putzen und Kochen.
Care-Arbeit umfasst auch das Organisieren und Koordinieren des Familienalltags.
Und genau hier liegt ein entscheidender Punkt:
Wer mehr unbezahlte Arbeit übernimmt, hat weniger frei verfügbare Zeit für bezahlte Arbeit.
Das ist keine persönliche Schwäche.
Es ist eine Zeitrechnung.
„Dann soll er doch auch mehr machen“ – genau darum geht es
Equal Parenting bedeutet nicht, dass beide Eltern jeden Tag exakt dasselbe tun müssen.
Es bedeutet auch nicht, dass jede Familie zwingend 50:50 leben muss.
Aber wenn beide Eltern langfristig ähnliche Möglichkeiten bei der Erwerbsarbeit haben sollen, muss auch die Verteilung der Care-Arbeit mitgedacht werden.
Denn sonst entsteht schnell ein bekanntes Muster:
Ein Elternteil reduziert die Arbeitszeit.
Dadurch übernimmt diese Person mehr Betreuung und Organisation.
Dadurch wird es schwieriger, die Arbeitszeit wieder zu erhöhen.
Und irgendwann wirkt die Teilzeit wie eine persönliche Entscheidung, obwohl sie ursprünglich vielleicht eine praktische Lösung für ein Betreuungsproblem war.
Arbeitszeit beeinflusst Care-Arbeit – und Care-Arbeit beeinflusst Arbeitszeit.
Ein Kreislauf.
Warum „Dann arbeite doch einfach mehr“ zu kurz greift
Mehr arbeiten klingt zunächst unkompliziert.
In der Realität können aber mehrere Dinge gleichzeitig im Weg stehen.
1. Betreuungszeiten
Wenn die Arbeitszeit nicht zu den Betreuungszeiten passt, entsteht eine Lücke.
Eine halbe Stunde mehr Arbeit kann beispielsweise bedeuten, dass das Kind nicht mehr rechtzeitig abgeholt werden kann.
2. Arbeitswege
Sechs Stunden Arbeit plus eine Stunde Pendeln sind nicht dasselbe wie sechs Stunden Arbeit im Homeoffice.
Die verfügbare Zeit ist begrenzt.
3. Krankheit
Kinder werden krank.
Und wenn ein Kind zu Hause bleiben muss, braucht es jemanden, der die Betreuung übernimmt.
4. Ferien und Schließzeiten
Kita- und Schulferien können mit den Urlaubstagen der Eltern kollidieren.
Je mehr Arbeitszeit beide Eltern haben, desto wichtiger wird eine funktionierende Betreuung außerhalb der regulären Zeiten.
5. Fehlende Flexibilität im Job
Nicht jeder Arbeitsplatz ermöglicht flexible Anfangs- und Endzeiten, Homeoffice oder eine unkomplizierte Anpassung der Arbeitszeit.
6. Die Verteilung innerhalb der Familie
Und dann gibt es noch die vielleicht wichtigste Frage:
Wer übernimmt eigentlich den Rest?
Mehr arbeiten wollen und mehr arbeiten können sind zwei verschiedene Dinge
Die Destatis-Zahlen machen genau diese Unterscheidung interessant.
Die 1,5 Millionen Erwerbstätigen, die 2025 mehr arbeiten wollten, arbeiteten durchschnittlich 26,2 Stunden pro Woche und wünschten sich im Durchschnitt 10,5 Stunden mehr.
Das ist eine beträchtliche Differenz.
Gleichzeitig wurden die Befragten ausdrücklich gebeten, bei ihrem Arbeitszeitwunsch zu berücksichtigen, dass mehr Arbeit auch mehr Einkommen bedeuten würde – und weniger Arbeit entsprechend weniger Einkommen.
Die Zahlen zeigen also nicht einfach:
„1,5 Millionen Menschen wollen mehr Geld verdienen.“
Sie zeigen vielmehr eine Lücke zwischen tatsächlich geleisteter und gewünschter Arbeitszeit.
Warum diese Lücke besteht, lässt sich aus dieser Statistik allein allerdings nicht ablesen.
Und genau deshalb sollte man vorsichtig sein, daraus eine einzige Ursache abzuleiten.
Care-Arbeit kann ein Faktor sein. Aber auch andere Gründe wie persönliche Präferenzen, berufliche Möglichkeiten oder die konkrete Ausgestaltung eines Arbeitsplatzes spielen eine Rolle.
Besonders interessant: Frauen in Teilzeit wollen nicht grundsätzlich weniger arbeiten
Ein Blick auf die Geschlechterunterschiede macht das Thema noch spannender.
Frauen in Teilzeit arbeiteten 2025 durchschnittlich 22,1 Stunden pro Woche, Männer in Teilzeit 19,9 Stunden. Einen Wunsch nach einer Arbeitszeiterhöhung äußerten 7,4 % der teilzeitbeschäftigten Frauen und 10,4 % der teilzeitbeschäftigten Männer.
Das zeigt:
Teilzeit ist keine homogene Gruppe.
Nicht jede Frau in Teilzeit möchte mehr arbeiten.
Nicht jeder Mann in Teilzeit möchte weniger arbeiten.
Und nicht jede Person mit einem Wunsch nach mehr Arbeitszeit hat automatisch die Möglichkeit, diesen Wunsch umzusetzen.
Deshalb bringt es wenig, über „die Teilzeitkraft“ oder „die Mütter in Teilzeit“ zu sprechen.
Interessanter ist die Frage:
Welche Bedingungen entscheiden darüber, wie viel Erwerbsarbeit tatsächlich möglich ist?
Was Equal Parenting mit Arbeitszeit zu tun hat
Equal Parenting wird häufig als Frage der gerechten Aufteilung von Kinderbetreuung verstanden.
Aber eigentlich geht es um mehr.
Es geht auch um wirtschaftliche Möglichkeiten.
Wenn eine Person dauerhaft den größeren Teil der Care-Arbeit übernimmt, hat diese Person möglicherweise:
- weniger Zeit für Erwerbsarbeit,
- weniger Möglichkeiten für Überstunden oder zusätzliche Stunden,
- weniger Flexibilität bei Terminen,
- weniger Spielraum für Weiterbildungen,
- weniger Möglichkeiten für bestimmte Arbeitszeiten,
- und unter Umständen weniger Chancen, beruflich voranzukommen.
Das ist einer der Gründe, warum die Aufteilung von Care-Arbeit nicht nur eine private Familienfrage ist.
Sie kann auch die beruflichen Möglichkeiten beider Eltern beeinflussen.
Was Familien tatsächlich helfen könnte
Wenn Menschen ihre gewünschte Arbeitszeit stärker an ihre tatsächlichen Möglichkeiten angleichen sollen, reicht es nicht, ihnen zu sagen, sie sollten einfach mehr oder weniger arbeiten.
Es braucht passende Rahmenbedingungen.
Dazu können beispielsweise gehören:
Verlässliche Kinderbetreuung
Je planbarer Betreuungszeiten sind, desto leichter lassen sich Arbeitszeiten organisieren.
Flexible Arbeitszeiten
Nicht jede Familie braucht weniger Arbeitszeit. Manche brauchen vor allem mehr Spielraum bei der Lage der Arbeitszeit.
Faire Aufteilung der Care-Arbeit
Wenn beide Eltern Verantwortung für Betreuung und Organisation übernehmen, wird Erwerbsarbeit weniger stark an eine Person gebunden.
Gute Regelungen für kranke Kinder
Kinderkrankheit gehört zum Familienalltag. Die Frage ist deshalb nicht, ob Betreuung ausfällt, sondern wer sie dann übernimmt.
Arbeitsmodelle, die nicht bei jeder Veränderung alles auf den Kopf stellen
Familien verändern sich.
Kinder werden größer. Betreuungszeiten ändern sich. Arbeitswege ändern sich. Menschen wechseln Jobs.
Arbeitszeitmodelle müssen deshalb nicht nur heute funktionieren.
Sie sollten sich auch an unterschiedliche Lebensphasen anpassen können.
Vielleicht sollten wir die Frage anders stellen
Statt immer zu fragen:
„Warum arbeitet diese Mutter nur Teilzeit?“
könnten wir fragen:
„Was müsste sich verändern, damit sie so viel arbeiten kann, wie sie gerne möchte?“
Und genauso:
„Was müsste sich verändern, damit ein Vater seine Arbeitszeit reduzieren kann, wenn er das möchte?“
Denn echte Wahlfreiheit bedeutet nicht, dass alle Vollzeit arbeiten.
Und sie bedeutet auch nicht, dass alle Teilzeit arbeiten.
Wahlfreiheit bedeutet, dass die Arbeitszeit nicht stärker durch fehlende Betreuung, ungleiche Care-Arbeit oder starre Arbeitsmodelle bestimmt wird als durch den tatsächlichen Wunsch der Menschen.
Teilzeit ist nicht das Problem
Teilzeit kann genau das richtige Arbeitsmodell sein.
Für manche Menschen passt sie perfekt zum Leben. Für andere ist sie eine Übergangslösung. Wieder andere würden gerne mehr arbeiten, können es unter ihren aktuellen Bedingungen aber nicht.
Deshalb sollten wir aufhören, Teilzeit automatisch mit fehlendem Arbeitswillen gleichzusetzen.
Und genauso sollten wir Vollzeit nicht automatisch als Zeichen von besonders großer beruflicher Motivation betrachten.
Die spannendere Frage ist, ob Menschen ihre Arbeitszeit tatsächlich so gestalten können, wie sie es möchten.
Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen jedenfalls: Zwischen gewünschter und tatsächlicher Arbeitszeit gibt es in Deutschland eine deutliche Lücke. 1,5 Millionen Erwerbstätige wollten 2025 mehr arbeiten, während 3,8 Millionen weniger arbeiten wollten.
Was hinter diesen Wünschen steckt, ist individuell.
Aber eines lässt sich kaum ignorieren:
Arbeitszeit findet nicht im luftleeren Raum statt.
Sie findet in Familien statt.
In Kitas.
In Schulen.
In Unternehmen.
Auf dem Arbeitsweg.
Und mitten in all der unbezahlten Arbeit, die irgendwo erledigt werden muss.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur darüber sprechen, wie viel Menschen arbeiten wollen.
Sondern auch darüber, was sie brauchen, damit ihre gewünschte Arbeitszeit im echten Leben möglich wird.
Für dich zum Mitnehmen
Wenn du selbst über deine Arbeitszeit nachdenkst, können drei Fragen überraschend viel klären:
1. Wie viele Stunden würde ich eigentlich gerne arbeiten?
Nicht: Was ist gerade organisatorisch möglich?
Sondern: Was wäre mein Wunsch?
2. Was verhindert aktuell, dass ich diese Stunden arbeite?
Betreuung? Arbeitszeiten? Wege? Care-Arbeit? Gesundheit? Finanzen? Der konkrete Job?
3. Was müsste sich verändern, damit es möglich wird?
Denn genau dort beginnt die eigentlich interessante Diskussion über Vereinbarkeit und Equal Parenting.
Nicht bei der Frage, ob jemand „zu wenig“ arbeitet.
Sondern bei der Frage:
Wie können wir Arbeit und Care so organisieren, dass Menschen mehr echte Wahlmöglichkeiten haben?
